Pottkieker - Pressmitteilungen

Sozialk├╝che in Dulsberg
23.12.13

Ein Hamburger Weihnachtsm├Ąrchen

Von Volker ter Haseborg
Foto: Marcelo Hernandez
 
Zum 1. Dezember sollte der Pottkieker in Dulsberg eigentlich schlie├čen. Doch dann spendeten fast 1000 Leser des Hamburger Abendblatts. Jetzt ist die Existenz der Sozialk├╝che f├╝r drei Jahre gesichert.
 


Eigentlich sollte es diese Weihnachtsfeier gar nicht geben. Wenn alles nach Plan gelaufen w├Ąre, dann w├Ąre der Gastraum des Pottkiekers jetzt leer. Die Gro├čk├╝che w├╝rde hier nicht mehr stehen, sondern irgendwo auf einem Schrottplatz vor sich hinrosten. Und die alten Menschen, die hier jeden Tag herkommen, m├╝ssten sehen, wo sie Anschluss finden.

Zum Gl├╝ck l├Ąuft im Leben nicht immer alles nach Plan.

Auf den Tischen im Pottkieker stehen an diesem Nachmittag Teller mit Dominosteinen und Zimtsternen. Und Platten mit Apfelstreuselkuchen, Schokokuchen, K├Ąsekuchen. Der Kaffee dampft, alle Pl├Ątze sind besetzt. Die alten Menschen schnattern aufgeregt durcheinander. Gleich soll im Pottkieker die Weihnachtsfeier losgehen.

Carmen Kr├╝ger bittet eine Mitarbeiterin aus der K├╝che, ein Weihnachtsgl├Âckchen zu bimmeln. Ruhe, die Chefin will was sagen. "Sie sa├čen eigentlich schon vor verschlossenen T├╝ren", sagt Kr├╝ger. "Aber jetzt geht es weiter, und das ist sicher." Die alten Menschen jubeln, sie klatschen, sie lachen.

R├╝ckblick. Im Oktober ver├Âffentlichte das Statistische Bundesamt Zahlen zur Altersarmut. Demnach ist Hamburg die Hauptstadt der armen Rentner. In der gleichen Woche musste Carmen Kr├╝ger den alten Menschen im Pottkieker mitteilen, dass die Einrichtung zum 1. Dezember schlie├čen muss. Staatliche F├Ârdermittel sollten wegfallen: 15 Mitarbeiter hat die Sozialk├╝che, sieben sollten nicht weiterbesch├Ąftigt werden. Es w├Ąre das Aus f├╝r den Pottkieker gewesen. 32.000 Euro fehlten, um im kommenden Jahr weitermachen zu k├Ânnen.

Hunderte alter Menschen h├Ątten nicht nur einen Ort verloren, wo es Scholle mit Bratkartoffeln und Dessert f├╝r drei Euro gibt. Sondern auch einen Ort der Begegnung. Einsamkeit ist h├Ąufig schlimmer als finanzielle Armut.

Es ist anders gekommen. "Was f├╝r ein Jahr!", sagt Carmen Kr├╝ger bei ihrer Weihnachtsrede. Sie erz├Ąhlt von dem Abendblatt-Artikel ├╝ber die drohende Schlie├čung. Den vielen Leserbriefen. Der pl├Âtzlichen Betriebsamkeit in der Sozialbeh├Ârde. Und von den Spenden.

Fast 1000 Abendblatt-Leser haben f├╝r den Erhalt des Pottkiekers gespendet. Leser, die selbst nicht viel Geld haben und trotzdem etwas tun wollten. Und Gro├čspender. Insgesamt kamen so rund 200.000 Euro zusammen. Die Sozialbeh├Ârde, die Arbeitsagentur und das Bezirksamt Nord beriefen eine Krisensitzung ein. Ergebnis: Der Pottkieker bekommt weiterhin 15 vom Staat gef├Ârderte Jobs. Wenn es dabei bleibt, ist der Pottkieker nicht nur f├╝r 2014 gerettet ÔÇô sondern insgesamt f├╝r drei Jahre.

Carmen Kr├╝ger berichtet von einer sehr reichen Hamburgerin. Diese habe bei ihr angerufen und gesagt, sie wolle 32.000 Euro spenden. Kr├╝ger sagt, sie habe der Dame angeboten, ihr die Einrichtung mal zu zeigen. Die Frau sagte: "Glauben Sie nicht, dass ich f├╝r etwas spende, was ich noch nicht gesehen habe." Offenbar war die Spenderin schon inkognito da gewesen.

Carmen Kr├╝ger und ihre Mitarbeiter verteilen an diesem Nachmittag Geschenke. Viele nehmen die bunten P├Ąckchen l├Ąchelnd entgegen und stecken sie schnell in Einkaufsbeutel. Als ob sie sich das Auspacken, das Freuen, f├╝r zu Hause aufsparen wollen. Die Pakete kommen von Hamburger Unternehmen, die Mitarbeiter haben die Geschenke dem Pottkieker gespendet.

Hans-Peter Lorentzen hat sein P├Ąckchen schon eingesteckt. Jetzt muss er los, zum 23er-Bus. Seine HVV-Karte kostet weniger, wenn er Bus und Bahn nur bis 16 Uhr nutzt. Aber er will sich noch bei Carmen Kr├╝ger verabschieden. "Ich freu mich schon, wenn ich n├Ąchstes Jahr wiederkommen kann. Ich f├╝hle mich hier immer so wohl. Ich bin so froh und so dankbar, dass der Pottkieker gerettet ist", sagt der 73-J├Ąhrige.

Im Oktober hatte das Abendblatt Christel Fechner getroffen. Sie bekommt 800 Euro Rente, mehr als die H├Ąlfte zahlt sie f├╝r ihre Seniorenwohnung, in der sie alleine lebt. Sie bekommt Geld vom Sozialamt. Fechner sagte damals, dass es nicht so schlimm sei, mit wenig Geld auskommen zu m├╝ssen. Schlimm sei die Einsamkeit. Im Pottkieker trifft sie ihre Freunde, bleibt mit ihnen nach dem Mittagessen noch zum Kl├Ânschnack sitzen. Als das Aus im Oktober verk├╝ndet wurde, ging es Fechner schlecht. Jetzt l├Ąuft die 71-J├Ąhrige strahlend durch die R├Ąume, umarmt Carmen Kr├╝ger und alle anderen. "Wir sind wie eine Familie", sagt Fechner. "Einfach wundersch├Ân, dass das so bleibt."

Auch Christian B├Âttcher ist zur Weihnachtsfeier gekommen. "Komm mal her!", ruft er Fechner zu ÔÇô und schon sitzt sie kichernd auf seinem Scho├č. B├Âttcher ist mit 95 der ├älteste hier. Die andern Rentner um sie herum johlen: "M├╝ssen wir uns jetzt Gedanken machen?" Auch B├Âttcher bekommt Grundsicherung. Seit vier Jahren isst er im Pottkieker, die Mitarbeiter bringen ihm das Essen an den Platz, denn er ist nicht mehr so gut auf den Beinen. Wenn er mal nicht da ist, rufen sie an. Er soll nicht zu den Menschen geh├Âren, die auf einmal nicht mehr da sind ÔÇô und keiner merkt es. B├Âttcher sagt, dass er f├╝r den Pottkieker gebetet hat. Und dass Gott sein Gebet erh├Ârt hat.

Eine Frau liest den Senioren eine Weihnachtsgeschichte vor, ein anderer Unterst├╝tzer des Pottkiekers schmettert Weihnachtslieder. "Oh Tannenbaum", "In der Weihnachtsb├Ąckerei" zum Beispiel. Und, obwohl es kein Weihnachtslied ist, den "Hamborger Veermaster". Alle singen und klatschen mit, es gibt jetzt auch Sekt und Bier, zur Feier des Tages.

Die 15 Mitarbeiterinnen des Pottkiekers tragen leuchtende Weihnachtsm├╝tzen. Vor einigen Tagen haben sie neue Arbeitsvertr├Ąge bekommen. K├╝chenleiterin Susanne Feld erz├Ąhlt, dass sie schon bei der Arbeitsagentur war nach ihrer K├╝ndigung im Oktober. Sie brachte ihren Lebenslauf und Bewerbungen mit. Man sagte ihr, dass es schwer werden w├╝rde auf dem Arbeitsmarkt, f├╝r sie als 52-J├Ąhrige. Als die Rettung perfekt war, meldete sie sich sofort ab. "Die bei der Agentur haben gesagt: Gott sei Dank!" Feld und alle anderen Mitarbeiterinnen wissen, wie sich Arbeitslosigkeit anf├╝hlt. Der Pottkieker war f├╝r sie die R├╝ckkehr ins Arbeitsleben. Feld f├╝hlt sich den sozial schwachen Senioren nahe. "Wir sind alle gleich. Man darf uns alle nicht aufs Abstellgleis stellen." Feld sieht in der gro├čen Anteilnahme vor allem eins: "Wir werden endlich akzeptiert."

Carmen Kr├╝ger hat in den vergangenen Wochen viele Telefonate gef├╝hrt. Ein F├Ârderverein f├╝r den Pottkieker sollte gegr├╝ndet werden. Die Satzung ist fertig, im Januar soll die Gr├╝ndungssitzung stattfinden. Auch einige Spender wollen sich im Verein engagieren.

Zum Ende der Feier packt Carmen Kr├╝ger Kuchen und Dominosteine in Alufolie und gibt sie den Rentnern mit. Sie verabschiedet sich von einer alten Frau, die ihr von ihrem Mann erz├Ąhlt. Er braucht dringend eine Blutw├Ąsche, es geht ihm sehr schlecht, aber er weigert sich, in die Klinik zu gehen. Die Frau weint. Sie sagt, dass sie Angst habe, jetzt nach Hause zu gehen. Kr├╝ger nimmt sie in den Arm. Dann sagt sie ihr, dass sie einfach den Krankenwagen rufen soll, dann m├╝sse ihr Mann sich behandeln lassen. Die Frau nickt.

Eigentlich sollte Kr├╝ger nach dem Aus des Pottkiekers den Job wechseln, sich k├╝nftig um psychisch kranke Menschen k├╝mmern. Es war auch unklar, ob die Chefin ihre Einrichtung verl├Ąsst, als der Pottkieker gerettet war. Carmen Kr├╝ger war sich nicht ganz sicher, ob sie noch die Kraft hat f├╝r den Job. Jetzt steht fest, dass sie bleiben wird. Sie will weitermachen, nach diesem Hamburger Weihnachtsm├Ąrchen.

Der Pottkieker hat jetzt Ferien, bis zum neuen Jahr. Und Carmen Kr├╝ger macht sich schon wieder Gedanken dar├╝ber, wie ihre Senioren bis dahin mit der Einsamkeit fertig werden.