Pottkieker - Pressmitteilungen

Sozialk├╝che in Dulsberg
26.10.13

"Pottkieker" schlie├čt - "Wo sollen wir denn jetzt hin?"

Von Volker ter Haseborg
Foto: Marcelo Hernandez
 
Am Ende der Woche, in der Hamburg zur Hauptstadt der Altersarmut gek├╝rt wird, muss Sozialarbeiterin Carmen Kr├╝ger den alten Menschen sagen, dass ihre Sozialk├╝che schlie├čt. Es fehlen 32.000 Euro.
 


Heute muss Carmen Kr├╝ger es ihnen sagen. Dass es vorbei ist. Dass sie vergebens gek├Ąmpft hat. Von nebenan h├Ârt sie schon das Gemurmel der alten Menschen. Sie warten auf das Essen. Sie ahnen nichts.

Heute gibt es Schollenfilet mit Bratkartoffeln und Remoulade. Um 11.30 Uhr soll die Essensausgabe im "Pottkieker" beginnen, die ersten Senioren waren schon vor elf da. Eine Mitarbeiterin steckt den Kopf in das B├╝ro von Carmen Kr├╝ger und sagt, dass sie nicht mehr l├Ąnger warten kann, die alten Menschen haben Hunger. "Lass sie erst mal essen", sagt Kr├╝ger kraftlos.

Carmen Kr├╝ger ist sonst voller Energie. Sie wuselt an guten Tagen durch ihre Sozialk├╝che am Alten Teichweg in Dulsberg, sch├Ąkert, macht Witze, lacht. Jetzt sitzt sie zusammengesunken auf ihrem wackligen B├╝rostuhl.

Carmen Kr├╝ger, 57, ist Sozialarbeiterin. Eine von vielen, f├╝r die das nicht einfach ein Job ist, sondern eine Berufung. Die ihre Freizeit opfern, um etwas zu tun gegen das Elend in Hamburg. Und die dabei zerrieben werden. Denn: Gutes tun, das ist nicht immer ein Gutmenschen-Job, das ist h├Ąufig ein hartes Gesch├Ąft. Es geht um Geld. Um wenig Geld, das viele begehren.

Kr├╝ger war immer stolz auf ihren "Pottkieker", den es seit 17 Jahren gibt, davon 15 Jahre mit Kr├╝ger. Wo es an jedem Werktag Mittagessen f├╝r Bed├╝rftige gibt. Menschen, die Hartz IV beziehen, zahlen drei Euro, alle anderen vier Euro. Es kommen fast nur Alte.

Es sind die Gesichter zu den Zahlen, die das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche ver├Âffentlicht hat: Hamburg ist die deutsche Hauptstadt der armen Rentner, 6,2 Prozent der Einwohner ├╝ber 65 Jahre bekommen die sogenannte Grundsicherung, Hartz IV im Alter. Das sind 21.000 Hamburger, die Dunkelziffer ist hoch.

Der "Pottkieker" muss zum 1. Dezember schlie├čen. Das ist es, was Carmen Kr├╝ger gleich den Menschen nebenan im Gastraum sagen muss. 15 Mitarbeiter gibt es in der Sozialk├╝che. Sechs Stellen werden mit EU-Geld finanziert, die F├Ârderung endet 2014. Die anderen neun Mitarbeiter werden von der Bundesagentur f├╝r Arbeit bezahlt, weil sie im "Pottkieker" wieder in die Arbeitswelt eingegliedert werden sollten. Doch auch hier wird Carmen Kr├╝ger eine Stelle verlieren, die Mittel f├╝r Ein-Euro-Jobs werden gek├╝rzt.

Ihr fehlen k├╝nftig sieben Mitarbeiter. Die Miete und die Kosten f├╝r die Lebensmittel sind hoch. 70.000 Euro braucht der Tr├Ągerverein "Mook wat", damit der "Pottkieker" 2014 weitermachen kann. Kr├╝ger war beim Bezirksamt Nord, die Mitarbeiter dort sch├Ątzen das Projekt, sie haben im vergangenen Jahr schon einmal gro├čz├╝gig geholfen. Aber f├╝r das n├Ąchste Jahr konnten sie nichts mehr zusammenkratzen. Auch bei der Arbeitsagentur war nichts zu holen, bei der EU auch nicht.

Carmen Kr├╝ger fand einen privaten Spender, er wollte 38.000 Euro spenden. Fehlen noch 32.000 Euro. Hamburg ist die Stadt der M├Ązene, der Stiftungen, der Spender. Und Kr├╝ger hat es trotzdem nicht geschafft.

Sie muss es jetzt hinter sich bringen. Sie steht auf, geht durch die Gro├čk├╝che. Fr├╝her war das hier mal eine B├Ąckerei. Der Gastraum liegt im Hochparterre, Tische und St├╝hle sind einfach. Kr├╝gers Mitarbeiterinnen haben sich bem├╝ht, es hier trotzdem sch├Ân zu machen. Auf dem Fensterbrett liegen K├╝rbisse und Laternen mit lachenden Gesichtern.

Die alten Menschen an den langen Tafeln blicken Kr├╝ger fragend an. Es ist der H├Âhepunkt des Tages f├╝r viele hier, einige Damen haben sich extra schick gemacht und eine Bluse und einen Rock angezogen. Es ist jetzt Viertel vor zw├Âlf.

"Ich muss Ihnen heute was mitteilen", sagt Carmen Kr├╝ger in das Gemurmel hinein. Es wird still. Als Kr├╝ger fertig mit ihrer Mitteilung ist, wird es laut im Raum. "Oh nein!" ÔÇô "Wo sollen wir denn jetzt hin?" ÔÇô "Die SPD ist schuld." An diesem Tag wird es nicht mehr still werden im "Pottkieker".

Norbert Pfuff schimpft besonders laut. "Was soll ich jetzt machen?", ruft der 72-J├Ąhrige. Pfuff isst jeden Tag hier, gerade hat ihm eine Mitarbeiterin den Teller mit einer Scholle gebracht. An seinen Stammplatz, links neben der Essensausgabe. 925 Euro Rente bekommt Pfuff im Monat, die H├Ąlfte geht f├╝r die Wohnung weg. Vom Rest kann er seinen Alltag so gerade noch aus eigener Kraft finanzieren, sagt er. Aber jetzt? "Ich kann nicht kochen. Ich werde mir Fertiggerichte holen. Erbsensuppe zum Beispiel." Er verzieht das Gesicht.

Gleich, um zw├Âlf, kommt ein Kumpel. Werden sie sich k├╝nftig noch sehen? Immerhin der Mittwoch wird eine Abwechslung bleiben: Dann isst Pfuff immer bei seinem Bruder.

Ein paar Tische weiter trauert Christel Fechner. "Hier bin ich in Gesellschaft. Hier bin ich nicht allein. Sonst vereinsame ich", sagt sie. Sie ist 71, hat drei erwachsene Kinder. Die will sie in Ruhe lassen. "Die sollen ihr eigenes Leben leben." Solange sie im "Pottkieker" ihre Freunde treffen konnte, war ja auch alles in Ordnung.

Christel Fechner hat jahrelang nicht in die Rente eingezahlt, weil sie zu Hause ihre Kinder gro├čzog. Ihre Ehe wurde geschieden, sie lebt jetzt allein. Aber sie wolle nicht jammern, sagt sie. Jetzt wohnt sie in einem Seniorenstift, in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung. Sie hat 800 Euro Rente, mehr als die H├Ąlfte zahlt sie f├╝r die Senioren-Wohnung. Das Geld reicht nicht aus: Sie ist eine Hartz-IV-Rentnerin. Und damit ein klassischer Fall zu den Zahlen, die in der vergangenen Woche ver├Âffentlicht wurden. Denn Altersarmut ist weiblich.

Christel Fechner geht seltener zum Friseur. Wenn ihre Schuhe neue Sohlen brauchen, z├Âgert sie den Gang zum Schuster lange hinaus. Das alles ist eben so, sagt sie. Wichtiger ist es ihr, nicht allein zu sein. Wenn sie mit ihren Freunden nach dem Mittagessen noch zum Kl├Ânschnack sitzen bleibt, bringen ihnen die Mitarbeiter einen Kaffee. Dann k├Ânnen sie ├╝ber fr├╝her reden, "was wir damals so alles ausgefressen haben". Und gerade damit soll jetzt Schluss sein? Der "Pottkieker" ist alles, was sie hat, sagt sie. Christel Fechner hat in der Sozialbeh├Ârde gearbeitet, als Sachbearbeiterin. Sie will dem Herrn Senator jetzt einen Brief schreiben und ihn auffordern, den "Pottkieker" zu retten. Hoffnung hat sie nicht.

Der ├älteste hier im Raum ist Christian B├Âttcher. Er ist 95 Jahre alt. Gerade hat er sein Essen beendet, die Scholle hat gut geschmeckt. Jetzt sitzt er noch so da und schaut sich die Leute an. Sein Rollator steht an der Seite. B├Âttcher wohnt um die Ecke, in einer kleinen Wohnung. Auch er bekommt Grundsicherung. Dabei war er einmal ein wohlhabender Mann. In Stuttgart f├╝hrte er ein Unternehmen, das Ladeneinrichtungen herstellte. Er hatte 70 Mitarbeiter ÔÇô aber dann verlor er alles. Seine Firma ging pleite. Das war Mitte der 80er-Jahre. Seine Frau ist tot, seine f├╝nf Kinder und elf Enkelkinder leben in Baden-W├╝rttemberg. B├Âttcher ist in seine Heimatstadt Hamburg zur├╝ckgekehrt.

Der Pflegedienst hilft ihm im Haushalt und mit den Medikamenten, bei der K├Ârperpflege. Er hat es in den Beinen, manchmal ist ihm schwindelig.

Er war froh, als er vor vier Jahren den "Pottkieker" entdeckte. Die Mitarbeiter bringen ihm das Essen an den Platz. Wenn er mal nicht da ist, rufen sie an und erkundigen sich, wie es ihm geht. Wenn er Hunger hat, bringen sie ihm das Essen nach Hause. Er soll nicht zu den Menschen geh├Âren, die auf einmal nicht mehr da sind ÔÇô und keiner merkt es. Und jetzt? B├Âttcher jammert nicht, er l├Ąchelt. Dann erz├Ąhlt er von seinem Glauben. Damals, als er im Krieg in Italien in Kriegsgefangenschaft geriet, hat Gott ihm Kraft gegeben. Auch nach der Pleite, auch jetzt im Alter. B├Âttcher zeigt nach oben und sagt: "Er wird mir helfen."

Carmen Kr├╝ger sagt, dass viele, die hierher kommen, arm seien ÔÇô aber nicht zum Sozialamt gingen. Aus Stolz. Weil sie Jahrzehnte gearbeitet und in die Rente eingezahlt haben. Sie wollen es selbst schaffen, ohne den Staat. Doch die Mieten und die Kosten f├╝r Lebensmittel steigen. Es muss keine Krankheit das Geld der Rentner aufzehren, es muss keine Insolvenz geben, um arm zu sein. "Man muss nur in Hamburg wohnen. Das reicht", sagt Kr├╝ger.

Und doch ist Armut nicht nur eine Sache des Geldes. In vielen F├Ąllen ist die Armut an Sozialkontakten schlimmer. Wenn es keine Kinder gibt, keine Verwandten, wenn die Kinder weit weg leben. Wenn Freunde sterben. Kr├╝ger erz├Ąhlt von einem alten Mann. Seine Frau war in der Nacht gestorben. Er stand morgens um sieben vorm "Pottkieker", weil er nicht wusste, wo er hin sollte.

Und dann sind da noch die Mitarbeiter. F├╝r sie war der "Pottkieker" eine zweite Chance auf dem Arbeitsmarkt, nach langen Jahren der Arbeitslosigkeit. Silvia Kudwien, die K├╝chenhilfe, kam vor f├╝nf Jahren hierher. Der Job gab ihr W├╝rde zur├╝ck: Sie kann etwas. Und sie ist wertvoll ÔÇô auch f├╝r die alten Menschen. Kudwien erz├Ąhlt von den Sommerfesten, von der Weihnachtsfeier, von den Kollegen, die zu Freunden wurden. "Vielleicht erbarmt sich ja doch noch einer und rettet den ,Pottkieker'", sagt sie. Zum 1. Januar wird sie arbeitslos sein. Dann wird sie wieder da sein, wo sie vor f├╝nf Jahren war.

Am Ende dieses Tages haben 117 Menschen im "Pottkieker" gegessen. Und Carmen Kr├╝ger fragt sich, wie sie die Gro├čk├╝che verschrottet und die Tische und St├╝hle aus der Gaststube loswird. Sie sagt: "Die Politik hat die alten Menschen aufgegeben." Eigentlich ist sie eine Expertin f├╝r das Thema Altersarmut in Hamburg, ihr Wissen ist wertvoll in einer alternden Gesellschaft.

Ihr Wissen wird sie nicht weiter einbringen. "Ich bin m├╝de", sagt Kr├╝ger. M├╝de vom K├Ąmpfen. Sie kann nicht mehr. Deshalb wird sie den Job wechseln, sich um psychisch kranke Menschen k├╝mmern. Eine andere Zielgruppe. Sie sagt, dass sie dar├╝ber froh sei.